18.06.2019 | ArcelorMittal Deutschland

Stahl-Kreislaufwirtschaft: besser für alle

Carl de Mare, Head of Technology Strategy, Leiter der Technologiestrategie bei ArcelorMittal über die Rolle von Stahl für eine kohlenstoffarme Kreislaufwirtschaft

Carl De Maré benennt zwei Herausforderungen: Einerseits soll der Lebensstandard für alle Menschen verbessert werden. Dafür braucht es quasi ein Stahlinventar oder einen Stahlvorrat, aus dem man langfristig schöpfen kann. Anderseits muss die Weltwirtschaft dekarbonisiert werden.

Kernpunkt der Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung bis zum Jahre 2030 ist eine bessere und nachhaltigere Zukunft für uns alle. Die Ziele befassen sich mit den globalen Herausforderungen wie Armut, Ungleichheit, Klima, Umweltschädigung, Wohlstand sowie Frieden und Gerechtigkeit. Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, stellte bei der Verabschiedung der UN-Ziele 2015, fest: „Wir haben keinen Plan B, weil es keinen Planeten B gibt!“

Ein Weg zu weniger Umweltschädigung ist gerade für den Werkstoff Stahl die Kreislaufwirtschaft. Es geht dabei um wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Geschäftsmodelle, längere Produktlebensdauer und mehr Recycling.

Stahl ist endlos recyclebar

Da passt es gut, dass Stahl endlos recycelbar ist. Stahl wird so das Rückgrat der zukünftigen Kreislaufwirtschaft bilden. Wir bei ArcelorMittal sind der festen Überzeugung, dass Stahl eines der nachhaltigsten Materialien ist – wenn nicht gar das nachhaltigste überhaupt.

Zur Verdeutlichung: Wenn ich von Nachhaltigkeit spreche, meine ich damit nicht nur die Umweltauswirkungen von Stahl, sondern auch seine wirtschaftlichen und sozialen Beiträge.

Stahl ist preiswert, Eisenerz ist reichlich vorhanden. Und es ist zentraler Bestandteil aller Infrastruktur: Niemand von uns kommt ohne Stahl beispielsweise zu seinem Arbeitsplatz. Kaum ein Produkt kommt ohne Stahl aus!

Stahl ist ein treibhausgasfreundliches Material. Tatsächlich fallen bei der Primärstahlproduktion laut WorldAutoSteel sieben- bis zwanzigmal weniger Emissionen pro Kilogramm an als bei gleichwertigen Automobilteilen aus Aluminium, Magnesium und Kohlefaser. Über die Verwendungszeit des Stahls hinweg spart er sogar bis zu 6 Mal so viele CO2-Emissionen wie bei seiner Produktion entstehen.

CO2-Emissionen müssen vermieden werden

Es geht hier nicht darum, den CO2-Fußabdruck zu verharmlosen. Die Senkung der CO2-Emissionen in der Stahlerzeugung ist wichtig. Im Jahr 2017 wurden weltweit 1,7 Milliarden Tonnen Stahl produziert – das waren 7 % des weltweiten CO2-Ausstoßes.

ArcelorMittal verpflichtet sich dazu, in der Stahlindustrie federführend nach Lösungen zur Bewältigung ihrer Kohlenstoffproblematik zu sein.

Die naheliegende Antwort wäre die Einstellung der Primärstahlproduktion zugunsten des Recyclings. Dieses genial einfache Konzept verspricht viel, geht aber auch davon aus, dass genügend Stahl vorhanden ist, um den Bedürfnissen einer wachsenden Weltbevölkerung gerecht zu werden. Leider ist das nicht so. In den Industrieländern liegt der Stahlgebrauch im Durchschnitt bei etwa zehn Tonnen Stahl pro Kopf. Wenn Entwicklungsländer hier nachziehen sollen, wird es bis weit in das nächste Jahrhundert dauern, bis wir genügend Stahl im Einsatz haben, um den Übergang von der primären Stahlerzeugung zum Recycling zu ermöglichen. Die Weltbevölkerung wächst, so dass der zu schaffende Stahlvorrat relativ groß sein müsste.

40 Jahre durchschnittliche Lebensdauer

In Europa beträgt die durchschnittliche Lebensdauer stahlhaltiger Produkte 40 Jahre. Danach fließen 90 % dieses Stahls zum Recycling zurück. Die Recyclingquoten von Stahl sind bei weitem die höchsten aller Materialien. Und Schrott macht heute schon 40 % der gesamten Stahlproduktion in Europa aus.

Nach anerkannten Prognosen wird erst im letzten Viertel dieses Jahrhunderts das Gleichgewicht zugunsten von aus Schrott gewonnenem Stahl kippen.

Angesichts all dessen ist Stahl zwar ein perfektes Material für die Kreislaufwirtschaft, aber wir sind noch weit davon entfernt, genug davon als Vorrat zu haben. Wir müssen in den Aufbau eines ausreichend großen Lagers an Primärstahl investieren, um langfristig unseren Stahl auf Basis von Recycling und Wiederverwertung zu generieren. In der Zwischenzeit muss unser Fokus auf der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks der primären Stahlerzeugung liegen.

Nebenprodukte wie Schlacke helfen die Umwelt zu schonen

Kreislaufwirtschaft bedeutet aber auch die Nutzung von Nebenprodukten. Beispiel: Je 100 Millionen Tonnen Stahl fällt Schlacke für 30 Millionen Tonnen Zement an. Diese 30 Millionen Tonnen Zement müssen dann nicht mit weiteren CO2-Emissionen hergestellt werden. Auf diese Weise sparen 15 % der CO2-Emissionen, die bei der Rohstahlproduktion entstehen, in der Zementindustrie vermieden.

Für die Stahlherstellung brauchen wir den Kohlenstoff für die chemische Reaktion. Wir gehen damit achtsam um. Unsere Produktionsprozesse sind so fein austariert, dass wir innerhalb von 5 % des theoretischen Minimums liegen.

Neue Technologien

Theoretisch gibt es andere Möglichkeiten, diese Reaktion ohne Verwendung von Kohlenstoff durchzuführen. ArcelorMittal untersucht, wie wir solche Stahlerzeugungsmethoden kommerziell nutzbar machen können. Sie sind bisher noch weniger energieeffizient oder verbrauchen zu große Mengen Erneuerbarer Energien. Die Verfahren sind schwieriger in die industrielle Größe umzusetzen und darüber hinaus nicht wirtschaftlich. Außerdem braucht es einen Weg, erneuerbare Energien in ausreichender Menge zu produzieren, um die kohlenstofffreie Stahlerzeugung zu einem tragfähigen Geschäftsmodell zu machen. In der Zwischenzeit arbeiten wir intensiv daran, die CO2-Bilanz der Stahlerzeugung zu senken, indem wir den CO2-Ausstoß intelligenter nutzen.

Bild: Wirtschaftsvereinigung Stahl